Zeitgemäße (selektive) Entwurmung – was ist das eigentlich?

Wenn es um das Thema Würmer und Pferde und Wurmkuren geht, haben viele Pferdebesitzer schon einmal von der „selektiven Entwurmung“ gehört. Dennoch werden die meisten Pferde traditionell in ihrem Stall zwei- oder viermal im Jahr entwurmt. Oder aber es wird immer mal wieder eine Kotprobe vom heimischen Tierarzt untersucht, der dann unterschiedliche Ratschläge zur Entwurmung gibt. Es scheint also noch viel Aufklärungsarbeit bei diesem Thema zu geben. Deswegen habe ich Nana Keck um ein Interview gebeten, damit Sie ein bisschen Licht ins Dunkel bringt:

Liebe Nana, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, meine Fragen zu beantworten. Vielleicht magst Du Dich kurz vorstellen. Wie kommt man dazu, den Kot von Pferden zu untersuchen?

Hallo Saskia, vielen Dank für Dein Interesse daran, Licht ins Dunkel zu bringen. Mein Name ist Nana (eigentlich Marie-Jose) Keck. Ich bin gelernte Tierarzthelferin und habe während meiner Tätigkeit in der Tierarztpraxis Thurmading, meinem damaligen Chef Marcus Menzel geholfen im Rahmen seiner Doktorarbeit an der LMU München, ein Hauslabor in der Praxis aufzubauen. Durch die intensive Beschäftigung mit den Pferdeendoparasiten* habe ich gemerkt, wie viele falsche Mythen rund um die Entwurmung beim Pferd im Umlauf sind. Gerne möchte ich den Pferde- und Stallbesitzern helfen, ein zeitgemäßes Entwurmungsmanagement für Ihr Pferd bzw. Ihren Bestand zu erarbeiten.

* Endoparasiten sind Organismen, die im Innern anderer Organismen über längere Zeit oder während ihres ganzen Lebenszyklus leben und sich von ihm ernähren.

Von selektiver Entwurmung haben inzwischen viele Pferdebesitzer gehört. Was ist denn nun zeitgemäße selektive Entwurmung?

Die Selektive Entwurmung wurde zunächst für die Endoparasitenkontrolle in Schafbeständen entwickelt und dann auf Pferde übertragen. Anfangs lag bei den Pferden der Fokus auf der Kontrolle und gezielten Behandlung der am weitesten verbreiteten Endoparasitenart, den „Kleinen Strongyliden“. Im Laufe der praktischen Anwendung merkten wir, dass wir mit den durchgeführten Kotuntersuchungen auch die Spul-und Bandwürmer nachweisen und kontrolliert behandeln können. Auch die Beratung und gezielte Behandlung von Magendassel und Oxyuren wurde immer öfter erbeten. Daher entwickelten die Parasitologen der AG.ZE die Selektive Entwurmung weiter zur Zeitgemäßen Selektiven Entwurmung. Hier liegt der Fokus auf der Kontrolle und Behandlung aller wichtigen Endoparasiten beim Pferd.

Viele Pferdebesitzer lassen den Kot ihrer Pferde vom Heimtierarzt untersuchen. Was spricht dafür, die Proben von Euch oder einem „ZE Tierarzt“ durchführen zu lassen?

In den meisten Tierarzt-Praxen wird nur eine (Schnell-) Flotation* mit einem Krümel Kot durchgeführt. In der ZE (= Zeitgemäßen Entwurmung) untersuchen wir mit mehreren Nachweismethoden, unter anderem werden in den ZE Laboren die kombinierte Sedimentation-Flotation und die McMaster-Eizahlzählung sowie die Larvenanzucht zur Unterscheidung der Strongylidenarten durchgeführt. Hier werden größere Kotmengen verarbeitet, wodurch die Nachweissicherheit deutlich steigt.

* Flotation ist ein Verfahren zur Kotuntersuchung für den Nachweis von parasitären Entwicklungsstadien, wie Eiern oder Larven.

Mein Pferd bzw. sein Kot wurde nun schon drei Mal beprobt. Warum reicht es nicht, einmal im Jahr bspw. am Jahresanfang eine Kotprobe untersuchen zu lassen? Wie funktioniert die ZE?

In der ZE werden im ersten Monitoring-Jahr vier Kotproben untersucht. Abhängig von den Ergebnissen werden die Pferde in unterschiedliche Kategorien eingeteilt und dementsprechend weiteren Beprobungen geplant.
Muss ein Pferd behandelt werden, sollte 14 Tage eine Wirksamkeitskontrolle und neue Kotprobenuntersuchung durchgeführt werden, um die Wirksamkeit des verwendeten Medikaments zu überprüfen und etwaige Wirkstoffresistenzen nachzuweisen.

Bei meinem Pferd habt ihr bei der ersten Untersuchung 60 Strongylideneier pro Gramm Pferdekot nachgewiesen. Ich finde, das klingt schon ganz schön viel. Warum sollte ich ihm trotzdem keine Wurmkur geben?

Bei Strongyliden wurde der Schwellenwert in Deutschland auf 200 EpG (Eier pro Gramm Pferdekot) festgesetzt, da man weiß, dass die Pferde mit einer gewissen Menge an Endoparasiten sehr gut selbst fertig werden. Außerdem weiß man, dass durch die Endoparasiten das Immunsystem stimuliert wird. Lediglich bei Spul-und Bandwurmbefall wird bei einem Nachweis immer behandelt.

Wurmfreie Pferde gibt es also nicht. Auf Deiner Website ist zu lesen, dass nicht alle Wurmarten nachweisbar sind. Viele Pferde- bzw. Stallbesitzer haben davor Angst und geben deswegen „prophylaktisch“ zwei- bis viermal im Jahr eine Wurmkur. Welche Würmer könnt ihr im Labor finden und welche nicht?

In der Kotuntersuchung sind nicht alle Würmer immer zuverlässig nachweisbar, das ist richtig. Daher auch die frequente Beprobung über das Jahr. Strongyliden und Spulwürmer sind sogenannte Dauerausscheider und werden in der Regel zuverlässig nachgewiesen. Der Bandwurm gehört zu den periodischen Ausscheidern, dies hängt mit seinem zur Weiterentwicklung und Neuaufnahme nötigem Zwischenwirt der Moosmilbe zusammen.
Oxyuren und Magendasseln können in der Kotprobe nicht nachgewiesen werden, da die Eiablagen außen am Pferd erfolgt. Magendassel sind die Larven der Dasselfliege. Diese legt ihre Eier im Sommer außen auf das Pferdefell, die Pferde nehmen die Eier und Larven auf und diese wandern zum Überwintern in den Pferdemagen. Im kommenden Frühjahr verlassen die Larven über den Darm das Pferd, um wieder zur Fliege zu werden. Bei Sichtung von Dassel-Eiablagen sollten alle Pferde des Bestands im Herbst/Winter behandelt werden.
Oxyuren-Weibchen wandern aus dem Enddarm durch den Anus aus, um ihre Eier auf die Haut um den Anus abzulegen. Dadurch kommt es zu Symptomen wie z.B. Schweifscheuern. Bei Sichtung von Oxyuren-Eiablagen sollte das betroffene Pferd gezielt behandelt werden. Außerdem sind umfassende Hygienemaßnahmen sehr wichtig.
Sehr selten haben Pferde einen Leberegel oder Lungenwurmbefall. Für beide Arten ist das Pferd ein Fehlwirt und um sich zu infizieren, muss es einen infizierten Träger geben. Leberegel wird über den Zwischenwirt „Zwergschlammschnecke“ von Wiederkäuern übertragen. Lungenwurm von infizierten Eseln. Bei beiden Wurmarten kann eine Infektion nur bei Wechselbeweidung stattfinden. Bei Verdacht einer Infektion mit einer der Arten müssen spezielle Kotuntersuchungen durchgeführt werden

Kürzlich haben wir von allen Pferden bei uns im Stall Kotproben eingeschickt. Nur ein Pferd muss nun wieder behandelt werden. Der scheint die Würmer einfach nicht loszuwerden. Wie kommt es dazu? Kann das für die anderen Pferde auch eine Gefahr sein?

Es gibt immer wieder einzelne Pferde, die aufgrund einer Immunsystemschwäche (man geht davon aus, das hier im Fohlenalter Fehler im Entwurmungsmanagement gemacht wurden) nicht in der Lage sind, mit dem im Bestand herrschenden Wurmdruck fertig zu werden. Diese Pferde müssen gezielt beprobt und behandelt werden, um den Wurmdruck für das Pferd und den Bestand möglichst gering zu halten. Manchmal gelingt es solche Pferde soweit zu stabilisieren (auch durch unterstützende Hygienemaßnahmen), dass sie nur selten Wurmkuren brauchen.

Wie stehst du zu „Wurmkräutern“? Im Netz kursieren ja auch immer wieder Erfahrungsberichten von Pferdebesitzern, die von wurmfreien Pferden berichten, wenn sie Kräuter gefüttert haben.

Es gibt keine Kräuterwurmkuren, da der Sinn einer Wurmkur darin besteht, die vorhandenen Endoparasiten zu töten. Dieses Ziel können die Kräuter nicht erreichen. Die wenigen Kräuter, die dies könnten, sind von so starken Nebenwirkungen begleitet, das sie sich auf der Negativliste der Phytotherapie befinden. Die einzige Wirkung, die wir in Feldversuchen bei Kräuterfütterung nachweisen konnten, war eine Reduzierung der Eiausscheidung bei Strongyliden, die aber nach Absetzen der Kräuter meist schnell wieder anstieg. Daher ist von der Fütterung kurz vor der Kotuntersuchung dringend abzuraten, da hier die Gefahr von falsch negativen Ergebnissen sehr hoch ist.

Um zum Schluss noch eine Frage: Gab es auch schon kuriose Dinge, die Du im Kot gefunden hast oder Würmer, die es in Europa eigentlich gar nicht gibt?

Wir finden immer wieder sehr lustige Wesen in den Kotuntersuchungen z.B. Milben, Insekteneier, Pollen mit lustigen Formen usw. Ein außergewöhnlicher Fund waren „Zwergbandwürmer“ mit lateinischem Namen Paranoplocephala mamillana bei einem niederländischen Friesen.

Vielen Dank liebe Nana für das Interview! 🙂


Weitere bzw. nahezu alle Informationen zu dem Thema findest Du unter diesem Link, den ich Dir wirklich sehr ans Herz legen möchte:
www.zeitgemaess-entwurmen.de , www.koprolab-keck.de , www.entwurmungpferd.de

Bei Facebook gibt es eine Gruppe, die sich speziell mit dem Thema beschäftigt: https://www.facebook.com/groups/SelektiveEntwumung/

Solltest Du weitere Fragen haben, kannst Du diese gerne der Kommentarfunktion stellen und ich leite sie an Nana weiter.


Auch Petra von der Pferdeflüsterei hat mit Nana ein Interview zu dem Thema geführt: Wurmkur beim Pferd: So geht’s richtig!

Und auch bei Pferdekult gibt es einen Beitrag: Selektive Entwurmung

Hi, ich bin Saskia!

Hi, ich bin Saskia!

Ich schreibe hier hauptsächlich über Themen aus dem Bereich Pferdegesundheit – wissenschaftlich fundiert aufgearbeitet. Aber auch meine eigene Meinung zu Themen, die mir am Herzen liegen, finden im Blog ihren Platz.